Vermessungs- und Aufklärungsschiff HYDROGRAPH

(Stand: 13.05.2021; neu: Episode „Drachenflug“)

In der Schiffsbestandsliste der Volksmarine als Projekt 401 geführt. 

Das Schiff war ein Mitteltrawler vom Typ „Okean“. Von diesem Typ wurde auf der Volkswerft Stralsund von 1957 bis 1961eine Serie von 170 Schiffen für die Fischereiflotte der UdSSR gebaut. Ein 171. Schiff, nach den Vorgaben der Volksmarine der DDR für den Einsatz als Vermessungs- und Aufklärungsschiff modifiziert, schloss als HYDROGRAPH die Serie ab. 15 Schiffe dieses Typs wurden auch in der UdSSR zu Aufklärungsschiffen umgebaut.

Der Schiffskörper war vollständig geschweißt. Das Deck war mit Holzplanken belegt, die Aufbauten bestanden aus Leichtmetall.
Die HYDROGRAPH wurde auf der Volkswerft unter der Bau-Nr. 9171 gefertigt. Der Baubeginn erfolgte am 08.09.1960, Stapellauf war am 14.12.1960

Am 31. Januar 1961 wurde das Schiff zum Umbau und zur Endausrüstung an die Peenewerft Wolgast übergeben und befand sich in den letzten Monaten des Jahres zur Übernahme und zum Einweisen der Marinebesatzung wieder in der Volkswerft Stralsund.

In verschiedene Literatur wird die Indienststellung des Vermessungsschiffs für den Seehydrografischen Dienst der DDR (SHD) am 28.11.1961 angegeben. Laut amtlichen Schiffsbrief erfolgte die Indienststellung am 08.11.1961.

Zu Datum 28.11.1961 äußert sich Bernd Loose, seinerzeit Steuermannsgast in der Indienststellungsbesatzung des Schiffes, wie folgt:
“… der 28.11.1961 war vermutlich administrativ als Indienststellungsdatum festgelegt worden und wird wohl deshalb auch so in der Literatur kolportiert, aber de facto passierte an diesem Tag nichts in dieser Richtung. Wir lagen am 28.11. nach einigen Einweisungsturns mit der Werftbesatzung wieder an der Pier in der Volkswerft Stralsund, hatten auch die letzten Vorbereitungsarbeiten erledigt und übten uns jetzt vor allem im Reinschiff. Grund: ein Blackout in der Elektrik hatte auf dem vorangegangenen Turn einen Ruderversager zur Folge gehabt und das Schiff fast auf Dreck gesetzt, hätte nicht die erfahrene Werftbesatzung das mit einer Notschaltung verhindern können. Aber der Fehler musste natürlich gefunden und dauerhaft abgestellt werden, was einschließlich der notwendigen Kontrollläufe aller Systeme einige Tage kostete. Erst am 08.12. konnten wir Stralsund ade sagen und nach dem Kompensieren um Arkona herum nach Warnemünde marschieren, wo wir am 09.12.1961 gegen 0900 Uhr einliefen. Da war allerdings nichts mit großem Bahnhof, Indienststellungszeremonie und „Heiß Flagge“ oder so etwas; es kamen lediglich der Chef der 4. Flottille und sein Gefolge an Bord, inspizierten kurz die Gefechtsstationen und führten „small talk“ mit der Besatzung – das wars. Ab diesem Tag ging es dann aber rund mit den eigentlichen Aufgaben. Nimmt man also das Indienststellungsdatum wörtlich als Tag des Dienstbeginns in der Flotte, müsste das der 09.12.1961 sein.

Das Schiff führte die Schornsteinmarke des SHD bis ca. 1977. Die Aufbauten waren weiß der Rumpf kampfschiffgrau. Der Name wurde an Bug und Heck geführt. Es erhielt äußerlich keine Bord-Nr..

Die Unterstellungsverhältnisse des Schiffes waren in den ersten Dienstjahren etwas verwirrend: verwaltungstechnisch/truppendienstlich gehörte es zur 1. Flottille (Peenemünde), basiert war es bei der 4. Flottille (Hohe Düne), nach der Schornsteinmarke hätte man es im Bestand des SHD vermutet (mit dem es praktisch gar nichts zu tun hatte), aber tatsächlich war es dem Kommando der Volksmarine direkt unterstellt und erhielt von dort seine Einsatzbefehle und die je nach Aufgabe hinzukommandierten Technikspezialisten.
Ab 19.09.1972 wurde es der neugebildeten 4. Vermessungsschiffabteilung (4.VSA) zugeteilt. Die 4.VSA unterstand der 4.Flottille. Aber auch sie erhielt ihre Einsatzbefehle direkt vom Kommando der Volksmarine.

 

Aufgabe:
Das Schiff diente zur optischen, funktechnischen und elektronischen Aufklärung. Schwerpunkt war die Funkaufklärung im UKW-Bereich (ca. 20 MHz bis 1 GHz). Es wurde in erster Linie Aufklärung in den Gewässern der Ostsee-Zugänge betrieben. Hauptzielrichtung waren dabei die Bundesmarine und die Dänische Marine. Fahrten in die Nordsee bis vor Helgoland und den Kanal wurden auch durchgeführt (siehe auch hier).
Im Vorpostendienst nahmen die Vermessungsschiffe Positionen von Fehmarn bis ins Kattegat ein.

Wolfgang Lindemann berichtet:
„Eine Aufklärungsfahrt führte in die nördliche Nordsee bis auf Höhe der Shetland Inseln. Ziel war das norwegische Frigg-Gasfeld.
Hauptaufgabe der Nordseeeinsätze war die Aufklärung der jährlichen Herbstmanöver der NATO. Schwerpunkt war die Beobachtung der Anlandung von US-Einheiten an der dänischen Küste nördlich von Esbjerg (Blavandshuk).
Die Dokumentation der Seeaufklärung wurde noch während des Einsatzes erstellt und unmittelbar nach dem Anlegen im Stützpunkt an die Abteilung Aufklärung des Kommandos der Volksmarine übergeben (Gefechtsbericht). Neben Manöverskizzen, taktischen Zeichnungen, Küstenvertonungen (Skizzen von Küstenabschnitten) waren es vor allem Fotos von Schiffen und Flugzeugen, die im schiffseigenen Fotolabor entwickelt wurden.
Die Schweigefunker des Funkdienstes 18 und der Fernmeldeaufklärung des MfS (HA III) behielten ihre Erkenntnisse im Wesentlichen bei sich. Ihre Berichte gingen direkt an ihre Dienststellen.

Das Schiff nahm an allen See-Manövern der Volksmarine und an den meisten des Warschauer Vertrags teil.

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Technische Ausrüstung
Das Schiff hatte eine erweiterte elekronautische Ausrüstung sowie eine spezielle Ausrüstung zur funk- und funktechnischen Überwachung. Das Schiff wurde mehrmals modernisiert. So wurde später auch eine Kuppel auf dem Peildeck montiert (ca. 1972).

Technische Ausrüstung (Stand 1977):
Navigationsanlagen: Sichtfunkpeiler FGS 340b, Funknavigationsgerät DECCA „Mark 12“ [Bild], Kreiselkompassanlage „Kurs 3“, 3x Reflexionskompasse, Infrarot-Anlage Chmel 3
Nachrichtentechnik: KW-Sender SS 1000 [Text], Kurzwellenanlage R-617 [Bild], UKW-Anlage R-619 [Bild], UKW-Funksprechgerät UFT 35, Morsegeber MGS 165 [Text], 2x Funkempfänger R-250M [Bild], 4x UKW-Empfänger R-313M2 [Bild] [Text], UKW-Funküberwachungsempfänger R-375B [Bild] [Text], 2x Einseitenband-Kurzwellen-Verkehrsempfänger EKV 13 [Bild], Fernschreibmaschine T 63 SU 13 [Bild], Faksimileapparat FAK-P [Bild] [Text], Kurzwellen-Antennenverstärker SzAE 62 (Bild), Sprachchiffriergerät R 754 „Sirena“ [Text], Senderprüfer T-54/5, 5x Tonbandgerät Tesla B70 Monofonic [Bild]
Radar: TSR 222, TSR 333 [Bild]
Freund-Feind-Kennanlage: „Chrom K“ [Bild]
weitere Technik: FTM 70/10, PEL 3, HAG 311W13, 3x 11096
Fotografische Ausrüstung: Linhof-Kamera

Raumaufteilung
Bis zur ersten größeren aufklärungstechnischen Nachrüstung und den damit einhergehenden Umbaumaßnahmen zur Unterbringung des größeren Personalbestandes präsentierte sich HYDROGRAPH weitgehend ähnlich zur Grundkonzeption „Fischtrawler“, nur dass der dort übliche Fischraum durch einen leeren Laderaum ersetzt war (Bernd Loose: “ … da ließ sich gut Tischtennis spielen…“) und Fischgalgen und Kurrwinde fehlten. Die gesamte Besatzung wohnte im Aufbautenkomplex, und im Vorschiff unter der Back befanden sich nur die üblichen Bootsmanns-, Farben-, Lampenlasten usw.
Später änderte sich die Raumaufteilung für den größten Dienstzeitraum durch Umbauten wie folgt:

       

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Verbleib:
Die Außerdienststellung erfolgte am 27.05.1983. Die Aufklärungstechnik wurde ausgebaut.
Das Schiff diente danach bis Dezember 1983 als Wohnschiff und lag weiterhin an der VSA-Pier der 4.Flottille. Als ständige Besatzung waren ein Obermaat mit zwei Stabsmatrosen an Bord.
Das Wohnschiff diente für ein Arbeitskommando, dass sich aus Teilen der ehemaligen Besatzung und zu kommandiertem Personal zusammensetzte. Aufgaben der Truppe waren die Unterholzbeseitigung im Munitionslager der 4. Flottille (Markgrafenheide) und das Entladen von Holzstämmen im Stadthafen Rostock.

In der zweiten Jahreshälfte 1984 wurde das Wohnschiff zur Bunkerpier verholt, um die restlichen Bestände abzubunkern. Dabei kam es zu einem Brand in einer bewohnten Kammer, ein technischer Defekt wurde später vermutet. Die ex. HYDROGRAPH brannte auf dem Breitling aus.
Die Reste des Schiffes wurde im MAB Rostock verschrottet.

Taktisch-technische Daten:
Verdrängung: Standard: 480 t, Normal: 680 t, voll: 780 t
Länge über alles: 50,82 m
Breite über alles:   8,88 m
Tiefgang:   3,53 m
Seitenhöhe:   4,30 m
Größte Höhe:  über Wasserlinie 16,0 m
Antrieb: 1x Dieselmotor 8 NVD 48u; 397 kW (540 PS) Leistung
  KaMeWa-Verstellpropeller
Hilfsmaschine: 2x 4 NVD 24; 73,5 kW Leistung
  1x 2 NVD 18; 20,7 kW Leistung
Anlagen: Dampfkesselanlage „SHKL 104“
Geschwindigkeit: max.: 11 kn, marsch: 9 kn
Fahrstrecke: 9500 sm bei 9 kn
Fahrgebiet: „unbegrenzte Fahrt“
Einsatz: bis Wind: 12, bis See 8
  bei Scholleneis bis 30 cm, bei Festeis bis 20 cm
Autonomie: 30 Tage
Vorräte: Verpflegung für 40 Tage, 29 t Frischwasser,
  24t Kesselspeisewasser, 128 t Dieselkraftstoff, 3,57 t Öl
Bewaffnung: Handfeuerwaffen: 10 MPi Typ KmS, 5 Pistolen Typ M, 2 Signalpistolen
  Sprengmittel: 5 Sprengpatrone 3, 2 Sprengpatrone 4
Sonstige Ausrüstung: 2 Doriboote (wie auf den Fischtrawlern) als Rettungsmittel,
später von Bord genommen und durch Rettungsinseln ersetzt
  2 Scheinwerfer (nachträglich zugerüstet)
Besatzung: 28 Mann (4 Offiziere, 1 Fähnrich, 3 Meister, 5 Maate und 15 Mannschaften) [im Detail]
  Dazu kamen bei Aufklärungsfahrten Personal des Funkdienst 18 und der Militärabwehr an Bord.

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Episoden
von Wolfgang Lindemann

Ein Eimer Fisch
Während eines Gefechtseinsatzes in der Arkonasee (Anfang der 80er Jahre) haben wir dänische Fischer aus Seenot gerettet. Ihr kleiner Fischkutter befand sich ca. 10 Seemeilen westlich von Bornholm (Höhe Rönne). Sie gaben Seenotzeichen. Wie sich herausstellte, war ihnen der Treibstoff ausgegangen. Wir haben ihnen mit zwei Kanistern Diesel ausgeholfen. Den Dank, in Form von einem Eimer frisch gefangenem Fisch, hat sich unsere Besatzung schmecken lassen.

Drachenflug
Anfang der 70er Jahre befand sich die „Hydrograph“ zu einem Aufklärungseinsatz in der Kieler Bucht. Es standen keine außergewöhnlichen Aktivitäten der NATO-Streitkräfte, wie größere Manöver oder Verbandsausbildung an. Vereinzelt waren Einheiten der Bundesmarine bei Überfahrten bzw. Einzelausbildung auszumachen.
Um sich die Zeit zu vertreiben, kamen zwei Freiwächter, der Leitende Ingenieur und der Bootsmann, auf die Idee, einen Drachen bauen und steigen zu lassen. Mit Elan wurde der Plan umgesetzt. Im Vermessungsraum fanden sie ein 1m langes Holzlineal, das fein säuberlich längs durchgesägt wurde. Damit hatten sie schon mal die Latten für das Drachenkreuz. Mit Takelgarn wurden die Latten fixiert und der Rahmen gespannt. Das in großer Menge vorhandene Pergamentpapier (um die Seekarten zu schonen, wurden sie damit im Gebrauch überzogen) lieferte das Material für die Bespannung des Drachens. In die ca. 2m lange Schwanzleine wurden in regelmäßigen Abständen aus Zeitungspapier angefertigte Stabilisatoren eingebunden. Ein dickes Knäuel Takelgarn vervollständigte als Drachenleine das Projekt.
Vom Bootsdeck aus ließen sie ihren Drachen steigen. Das Schiff machte Fahrt, sodass für stetigen Luftstrom gesorgt war. Der Drachen stieg schnell recht hoch. Erinnerungen behaupten auf eine Höhe von mindestens 100 m.
Der Spaß begann sich mit Ankunft eines Minensuchers vom Typ „Schütze“ zu trüben. Hektische Aktivitäten an dessen Oberdeck ließen vermuten, dass man herausbekommen wollte, aus welchem Grund ein Aufklärungsschiff der Volksmarine einen Drachen hinter sich herzog. Dem, später bekannt gewordenem bundesmarineinternen Funkverkehr konnte entnommen werden, dass man Antennenversuche vermutete.
Das Dumme war nur, dass unsere Schweigefunker diesen Funkverkehr registriert und an ihre Dienststelle gemeldet hatten. Die wiederum sorgte für die umgehende Information an den Chef Aufklärung der Volksmarine. Kurz gesagt, schlug die Drachenaktion schon vor der Rückkehr des „Hydrograph“ hohe Wellen im Kommando der Volksmarine.
Mit Sicherheit hätten es für die Beteiligten ernsthaften Konsequenzen gegeben. Die verliefen aber geräuschlos im Sand, als den Vorgesetzten bekannt wurde, wer sich hinter dem Initiator der Aktion verbarg … der Leitende Ingenieur war der Sohn des Chefs der Volksmarine.

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© 2018 - 2021 Bernd Loose, Peter Kieschnick, Wolfgang Lindemann